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Wem gehört unsere Kapazität?

  • Autorenbild: Tanni Hslr
    Tanni Hslr
  • 24. Feb.
  • 2 Min. Lesezeit

Seit einiger Zeit beschäftigt mich ein Wort, das wir erstaunlich selten benutzen, obwohl es unseren Alltag ständig bestimmt: Kapazität.


Wir sprechen über Charakter, über Werte, über Empathie, über Rücksicht. Wir analysieren Verhalten, diskutieren Grenzen, sprechen von Egoismus oder mangelnder Sensibilität. Aber vielleicht übersehen wir dabei etwas Grundlegenderes:


Vielleicht geht es öfter um Kapazität.


© Tanja Heisler: Lake Nakuru- Kenia
© Tanja Heisler: Lake Nakuru- Kenia

Mir fällt auf, wie schnell Gespräche kippen, wie rasch Menschen sich rechtfertigen und wie schwer es manchmal fällt, einfach nur zuzuhören, ohne sofort die eigene Geschichte daneben zu legen. Und ich frage mich immer weniger: Was stimmt mit uns nicht? Und immer häufiger: Wie „voll“ sind wir eigentlich?

Nicht nur voller Termine, sondern voller Reize, voller unausgesprochener Konflikte, voller innerer To-do-Listen, voller Vergleiche, voller Erwartungen an uns selbst und andere, voller Beziehungsdynamiken, die Energie binden, auch wenn wir gerade alleine auf dem Sofa sitzen.


Carl Gustav Jung sprach von psychischer Energie, die entweder gebunden oder frei sein kann – gebunden durch innere Spannungen, durch Ungeklärtes, durch Anpassung; frei, wenn Integration stattgefunden hat und man nicht permanent gegen sich selbst arbeitet.

Und Erich Fromm schrieb in Die Kunst des Liebens, dass Lieben keine Emotion, sondern eine Fähigkeit sei. Eine Fähigkeit, die Konzentration, Disziplin und Präsenz verlangt. Mit anderen Worten: innere Verfügbarkeit – Kapazität.


Was aber, wenn genau diese Verfügbarkeit in unserer Zeit zur knappen Ressource geworden ist? 

Vielleicht ist Freundlichkeit manchmal keine Charakterfrage. Vielleicht ist sie eine Kapazitätsfrage?


Empathie ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist oft der Zustand eines regulierten Nervensystems.

Wenn viel Energie gebunden ist, bleibt wenig übrig: wenig Geduld, wenig Weite, wenig Raum für den anderen. Dann reden Menschen schneller von sich, nicht unbedingt aus Narzissmus, sondern weil sie irgendwohin mit dem müssen, was in ihnen drängt.


Mich beschäftigt deshalb eine persönliche Frage: Wem gehört meine Kapazität eigentlich?


Wenn die innere Energie endlich ist und Aufmerksamkeit kein unerschöpflicher Rohstoff, was braucht das Leben, damit überhaupt etwas verschenkt werden kann?

Welche Beziehungen nähren mich, statt mich subtil auszuhöhlen und Energie zu kosten? Welche Gewohnheiten beruhigen das Nervensystem, statt es dauerhaft in Alarmbereitschaft zu halten? Welche Ansprüche darf ich loslassen, damit die innere Energie nicht permanent gebunden bleibt?


Es geht dabei nicht um Selbstoptimierung und auch nicht um die Illusion, ständig vollkommen reguliert zu sein. Sondern um Verantwortung. Vielleicht beginnt Reife genau dort, wo nur das gegeben wird, was wirklich frei ist.

Interessanterweise erlebe ich: Wenn aus echter, stabiler Kapazität heraus zugehört wird – ohne innerlich schon zu antworten –, entsteht etwas anderes im Raum. Manchmal fließt sogar Energie zurück.

Nicht immer. Aber oft. Begegnung kann erschöpfen, sie kann aber auch regulieren und Energie zurückschenken.

Vielleicht leben wir nicht in einer empathielosen Gesellschaft. Vielleicht leben wir in einer überreizten.

Und vielleicht verschiebt sich die entscheidende Frage weg von „Wer hat recht?“ oder „Wer ist sensibel genug?“ hin zu etwas Schlichterem und zugleich Anspruchsvollerem:


Wie voll bin ich gerade – und was brauche ich, damit meine Kapazität wieder mir gehört und ich anschließend mehr verschenken kann?


Vielleicht beginnt Menschlichkeit heute nicht bei der moralischen Bewertung des anderen, sondern bei der ehrlichen Auseinandersetzung mit dem eigenen Energiehaushalt.

Und vielleicht wäre eine der respektvollsten Fragen unserer Zeit schlicht diese:



Hast du gerade Kapazität?

 
 
 

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